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Der deutsche Autoblogger, das possierliche Marketing-Äffchen

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Disclaimer: Der nachstehende Beitrag ist eher als Rant zu verstehen, denn als investigativer Artikel. Ich nenne hier keine Namen und pauschalisiere, zum Teil vielleicht sogar in unzulässiger Art und Weise. Mein Anliegen ist es aber nicht, einzelne an den Pranger zu stellen und mich dann klein-klein mit Einzelbeispielen auseinander zu setzen. Es geht mir um das große ganze Konstrukt.

Vor ungefähr zwei Jahren hat mich ein Jungredakteur vom Spiegel Online angerufen. Ich fühlte mich schon ansatzweise gebauchpinselt. Dann kamen aber seine Fragen. Zusammenfassend wollte er wissen, inwieweit ich meine Meinung denn von der Automobilindustrie kaufen lasse. Bei all den Business-Flügen, den tollen Hotels und dem ganzen guten Essen. Meine Laune ist wirklich schnell gekippt. Was für dämliche Fragen. Aber in der Aussensicht vielleicht sogar berechtigt. Diese ganze Presse-Maschinerie der Auto-Industrie hinterlässt schon einen leicht schalen Beigeschmack.

Die Autoindustrie muss keine Blogger kaufen

Ich bin jetzt gut drei Jahren Teilnehmer in diesem Zirkus. Und ich kann mich nur zu gerne wiederholen. Mich beeinträchtigen weder die Business-Flüge, noch das gute Essen noch die 5-Sterne-Hotels, in die man uns teilweise einquartiert. Und es ist auch geradezu lächerlich anzunehmen, dass die Hersteller es nötig hätten, eine positive Berichterstattung bei Bloggern „einzukaufen“. Vielmehr ist es so, dass alle, die nicht spuren oder sich quer stellen, kurzer Hand ausgeladen werden. Und das bezieht sich nicht nur auf die Blogger, sondern auch auf gestandene Journalisten. Entweder bekommst Du eine Einzelbetreuung oder Du wirst halt direkt von der Liste gestrichen. Keine Einladungen mehr, keine Testwagen mehr. Keine Möglichkeit mehr eigene Inhalte zu erstellen. Da geht Dir dann ganz schnell die Luft aus.

Nun bin ich ja in der glücklichen Lage, dass ich mich nicht zum Journalisten berufen fühle. Ich halte mich eher für einen Entertainer. Was ich unter Ausfahrt.tv veröffentliche ist Infotainment. Und damit erreiche ich mittlerweile im Schnitt gut eine Millionen Zuschauer aus aller Welt. Jeden Monat. Wer nun aber denkt „Der Jan hat es geschafft“ ist vollkommen auf dem Holzweg. In der Branche ist nichts so sicher, wie die Unsicherheit. Du kannst die schönsten Fotos, die tollsten Texte abliefern und diese an noch so viele Leser oder Zuschauer weiterreichen. Es garantiert Dir gar nichts. Die Einladungspolitik der Hersteller ist willkürlich. Oder besser formuliert: Sie unterliegt keinen logischen Regeln. Rückfragen werden auch gar nicht gerne gehört. Reichweitenvergleiche werden lächelnd abgetan. Ich selbst bin jüngst von einer Einladungsliste komplett gestrichen worden. Man hätte das Gefühl gehabt, ich hätte kein Interesse mehr an den Fahrzeugen dieser Marke hiess es da als Begründung auf meine Rückfrage. Erst nach einer Mail mit diversen Belegen des Gegenteils wurde mir dann wieder der Weg an den Futtertrog freigegeben.

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Die Autoindustrie mag jetzt Blogger, aber nur wenn sie kostenlos tanzen

Futtertrog bezieht sich hier natürlich selbstredend nur auf die Möglichkeit Content zu erstellen. Finanzielle Zuwendungen von der Auto-Industrie selbst sind eher die Ausnahmen, denn die Regel. Und mit Zuwendungen meine ich weder die sogenannten Produktionskostenzuschüsse, bei denen die Hersteller die Produktion eines Medienschaffenden finanziell unterstützen, noch das Handgeld aus früheren Zeiten von dem die alten Hasen immer erzählen. Mit Zuwendungen meine ich, eine Form von Refinanzierung als Anerkennung der geleisteten Arbeiten. Als problemlose Form würde ich die Schaltung von Werbung auf der Publikation des Medienschaffenden bezeichnen.

Im Jahre 2012 hat die Autoindustrie die Blogger für sich entdeckt. Teils junge, teils hippe Meinungsbildner – oder eben auch Leute wie mich, die es verstehen sich in der digitalen Welt Gehör zu verschaffen und Leute eben dort zu erreichen. Print ist nicht tot! Aber Online erreicht eben auch ganz andere Zielgruppen, die Print heute nicht mehr so ohne weiteres erreicht. Fernsehen ist nicht tot. Aber immer mehr junge Menschen haben keine Lust mehr sich zu einer vorgegebenen Zeit Inhalte anzuschauen. Ich selbst kenne genug Teenager, die kein Fernsehen mehr gucken. Youtube, Alter! Da krieg ich doch alle Infos. Und das eben hat die Auto-Industrie verstanden. Knick, knack, da hat man ein paar Plätze mehr bei den Fahrveranstaltungen gebucht und erreicht jetzt auch für einen paar Euro mehr eben ganz neue Zielgruppe. Die Kosten werden am Ende ja eh auf das Produkt umgelegt.

Aber ein echtes Interesse an einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit hat sich aus meiner Wahrnehmung in den letzten drei Jahren nicht ergeben. Vielmehr hat die Industrie gefordert, die Blogger haben geliefert und dann ziemlich dumm aus der Wäsche geguckt. Mir hat man recht früh gesagt, dass ich mit meinem Format wachsen müsste, damit man mich weiter einladen könne. Also habe ich mehr geschrieben und meine Reichweite gesteigert. Dann hat man mir gesagt, dass das Besondere etwas fehlen würde, das Alleinstellungsmerkmal. Der USP. Wir Autoblogger wären so austauschbar. Also habe ich mit Jens im Februar 2013 Ausfahrt.tv ins Leben gerufen. Bums. Etwas Individuelles. Und auch ein Projekt, was mittlerweile mehr Reichweite hat als alle deutschen Autoblogger zusammen mit ihren Blogs.

Danach habe ich mal ganz freundlich bei meinen Ansprechpartnern angeklopft. Wie wäre es denn mal mit ein wenig Refinanzierung. Wie wäre es denn mal mit ein paar Anzeigen auf meinem Blog? Wie der Belzebub persönlich wurde ich angesehen. So etwas würde nicht gehen. In den Konzernen wird doch heute das Marketing und die Pressearbeit ganz klar getrennt. Compliance heisst das Zauberwort. Man möchte sich doch nicht dem Vorwurf aussetzen, dass man Journalisten oder Blogger einkauft. Zudem wäre ich ja eine Einzelperson. Und somit wäre ein Vorwurf der Bestechlichkeit dann ja quasi per se berechtigt. Gut. Also haben wir Autoblogger uns zusammengesetzt und einen Vermarkter gesucht und gefunden. Wie bei einem Verlag haben wir jetzt also uns selbst als Redakteure für unsere Publikationen und einen Vermarkter, der die Werbegelder einsammeln kann.

Huch, haben mir dann ein paar Ansprechpartner entgegengehalten. Theoretisch könnten wir jetzt Werbung bei Euch schalten. Aber dann. Ihr seid doch so innovativ. So kreativ. So online. Da sind doch klassische Banner eher ungeeignet. Wir brauchen ein fetziges, neues Werbeformat. Als ich mich von dem ersten Lachflash erholt hatte, musste ich feststellen, dass dies nicht als Witz gemeint war. Eine andere Idee, der ich gegenüber gar nicht abgeneigt gewesen wäre, war eine LEAD-gesteuerte Werbung. Verlinke unter Deinem Fahrbericht, die Seite der Probefahrt des Fahrzeugs und kassiere pro User, den Du auf die Seiten schaffst. Mal davon abgesehen, dass dies meines Erachtens eher anrüchig ist, weil einem dann schnell unterstellt werden kann, dass man ein Auto „schön schreibt“, um die paar Cent mitzunehmen, die Auto-Industrie ist technisch nicht so weit gewesen. Das Engagement seitens der Industrie eine technische Lösung zu finden, war ebenfalls sehr überschaubar.

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Die Autoindustrie verzerrt den Wettbewerb mit ihren Werbegeldern

Ich für meinen Teil habe dann einfach ein Häkchen für erledigt unter die Sache gesetzt. Ich bin schliesslich selbstständig und ich kann ja kaum von der Industrie erwarten, dass man mir mein Format oder gar meinen Lebensunterhalt finanziert. Wo kommen wir denn da hin? Moment mal. Wir sind ja schon längst da. Die Automobil-Industrie finanziert doch schon die kompletten Print-Publikationen aus dem Bereich „Automobil“. Nur spasseshalber habe ich mir von meinem Geld vor ein paar Wochen, die aktuellen Ausgaben der drei großen Automobil-Publikationen gekauft (Autozeitung Nr.5 vom 25.03.2015, Auto Motor und Sport Heft 8 vom 02.04.2015 und die AutobildNr. 14 vom 02.04.2015).

In der Autozeitung (Kaufpreis 2,40 Euro) finden sich auf 14 der 145 Seiten Werbung der Hersteller und Importeure:
BMW, Doppelseite (2+3)
Audi, Doppelseite (8+9)
Mercedes, Doppelseite (22+23)
Seat, eine Seite (27)
Hyundai, eine Seite (49)
Honda, eine Seite (53)
Renault, eine Seite (57)
Opel, eine Seite (75)
Dacia, eine Seite (83)
VW, eine Seite (101)
Kia, eine Seite (145)

In der Auto Motor und Sport (Kaufpreis 3,70 Euro) findet der geneigte Leser auf 11 von 163 Seiten Werbung der Hersteller und Importeure:
Audi, Doppelseite (4+5)
Porsche, Doppelseite (8+9)
Hyundai, eine Seite (23)
Smart, eine Seite (35)
Jaguar, eine Seite (45)
Ford, eine Seite (55)
Mercedes, eine Seite (61)
Renault, eine Seite (111)
Mercedes, eine Seite (125)

Die Autobild kauft man zum Preis von 1,80 Euro, in ihr waren 7 der 99 Seiten von Herstellern und Importeuren gebucht:
Audi, eine Seite (2)
BMW, Doppelseite(8+9)
KIA, eine Seite (15)
Skoda, eine Seite (39)
Opel, eine Seite (59)
Renault, eine Seite (99)

Da schau her! Ich unterstelle übrigens nicht der Auto-Industrie, dass sie sich die Meinung der Zeitungen kauft. Und ich unterstelle genau so wenig, den Redakteuren, dass sie die Autos schön schreiben, weil sie einen Teil der Werbeeinnahmen als Gehalt ausbezahlt bekommen. Das ist meines Erachtens wirklich weit hergeholt. Auch mag ich mich nicht denjenigen anschliessen, die da meinen die eine oder andere Publikation würde die eine oder andere Marke bevorzugen. Ich behaupte aber, dass die deutschen Autobauer und auch die Importeure mit ihren Werbeschaltungen und den damit verbundenen Zahlungen das Fortbestehen dieser Publikationen überhaupt erst ermöglichen. Es macht ja auch Sinn, irgendjemand muss die potentiellen Kunden ja informieren. Und ich persönlich finde es befremdlich, dass man mich zwar einlädt, weil man mich als digitalen Meinungsbildner identifiziert hat, mich aber eher nicht genauso subventioniert. Zudem darf ich anmerken, dass ich auch diverse Lifestyle-Titel, die hin und wieder mal einen Fahrbericht veröffentlichen, hätte heranziehen können, ich aber nur begrenzt Zeit habe.

Hier wird meines Erachtens der mögliche Wettbewerb verzerrt, was sich nicht zuletzt an der Entwicklung der Google Suchergebnisse zeigt. War es in 2012 noch nichts ungewöhnliches, dass man als Blogger mit seinem Fahrbericht auf der ersten Suchergebnisseite zu finden war – eben neben den Online-Portalen der großen Publikationen, so muss man 2015 schon mit einem sehr langen Stichwortkette suchen, um überhaupt noch auf einen Blogger-Fahrbericht zu stossen. Ich habe ja gar nichts gegen gesunden Wettbewerb im Stile David gegen Goliath, aber wenn man auf der einen Seite das Geld lustig in die Verlage pumpt, die dieses Geld mal eben nutzen können, um eine neue SEO-Strategie umzusetzen, dann sollte man auf der anderen Seite gegenüber den Blogger nicht so tun, als wären die Taschen unlängst zugenäht. Und nur am Rande, auch auf den genannten Online-Portalen der großen, vorgenannten Drei findet man ausreichend Werbebanner der Industrie von denen wir „Kleine“ nicht partizipieren können. Achja. Standard Werbebanner. Keine hippen, tollen Lösungen.

Das Spice muss fliessen. Oder versiegen. Mir persönlich wäre es ja am Liebsten, wenn die Industrie generell von Werbeschaltungen bei der Fachpresse absehen würde. Das wäre hübsch gerecht für alle. Möchten Sie aber weiterhin auch bei Blogger aka Online-Multiplikatoren Fahr- und Erlebnisberichte lesen, dann sollten auch hier die Werbegelder verteilt werden. Banner-Werbung ist hier die sauberste Lösung.

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Wie ich mich finanziere

Im Oktober letzten Jahres hat mir jemand aus dem Online-Publizisten-Garde unterstellt, dass wir Ausfahrt.tv mit Produktionskostenzuschüssen seitens der Industrie produzieren. Ich bin da mal eben vom Stuhl gefallen. Schon alleine, weil ich dann unlängst mit professionellen Kameramännern und Cuttern zusammenarbeiten würde und statt eines Opel Corsa B einen Porsche 911 in der Einfahrt stehen hätte. Meine Verneinung quittierte er mit einem „Kannst Du, lieber Jan, an Eides statt versichern, noch bei keiner Videoproduktion von Ausfahrt.TV Geld erhalten zu haben?“ Ich weiss gar nicht mehr, wie lange ich davor „Eides statt“ gehört habe. Zumal es ja in Zusammenhang mit diversen Skandalen aus der Politik nun auch kein hohes Gut mehr ist. Ich habe seit ich meine Tätigkeit als Autoblogger aufgenommen habe, stets Werbung als solche gekennzeichnet. Sowohl im Blog als auch im Youtube-Kanal. Ich bestreite meinen Lebensunterhalt auch nicht aus den Einnahmen, die ich mit meinem Blog oder dem Youtube-Kanal generiere. Ich produziere Inhalte für Dritte und werde dafür bezahlt. Das dies unglaubwürdig bei etablierten Größen der Branche ist, kann ich nachvollziehen. Schliesslich habe ich zu oft von „Kooperationen“ gehört. Vollkommen vereinfacht ausgedrückt sind das meistens Events der Industrie über die man normaler Weise nicht schreiben würde, die dann aber gegen entsprechende Bezahlung doch behandelt werden. Als Werbung gekennzeichnet. Oder so ähnlich.

Hey, ich bin aber ganz entspannt. Ich habe ja gelernt, wie langsam die Mühlen manchmal malen. Alles noch lustig. Der Spass vergeht mir dann aber, wenn ich mir andere Wege der Refinanzierung suche und dabei ansatzweise torpediert werde. Obschon. Ganz kurz möchte ich noch festhalten, dass man mich auswählt, mich und mein Medium, weil man meint, dass ich mit meinem Medium die Leute erreiche, die man ja erreichen will. Damit ich dies aber tun kann, erwartet man von mir, dass ich mir andere Wege suche, mir mein Leben zu finanzieren. Ist ja kein auch kein Ding. Habe ich getan, wie auch unlängst andere, die ihrer Berufung gefolgt sind und hauptberufliche Autoblogger sein wollen. Ich habe mir Kunden gesucht. Bei denen ich meine Inhalte gegen Geld unterbringen kann. Nun hat die „New York Times“ meine Bewerbung als freier Schreiber leider abgelehnt und auch „Die Zeit“ hatte ihren Bedarf an Autojournalisten schon gedeckt. Aber es gibt ja noch andere Auftraggeber. Wie beispielsweise Versicherungen, die versuchen Teile ihrer Online-Angebote attraktiver und SEO-relevanter zu gestalten. Ähem. Das ist ja Werbung. Du nimmst unsere Produkte und machst für ein anderes Unternehmen Werbung. Nicht so toll jetzt. Und sieh mal zu, dass Du in Deinem Blog mal wieder mehr schreibst. Und nein, ich selbst habe für keine Versicherung geschrieben, aber auch mein Weg, über die Produktion von Videos für ein amerikanisches Youtube-Format Geld zu verdienen, wurde auch nur zähneknirschend geduldet.

Die Autoindustrie verzerrt den Wettbewerb durch Übervorteilung der etablierten Medien

Eine weitere Form der Wettbewerbsverzerrung aus meiner Sicht, ist die Übervorteilung der etablierten Medien bei der Content-Erstellung. Mit wenigen Ausnahmen seitens der Hersteller bekommen die großen Publikationen deutlich früher Zugang zu den Inhalten (in unserem Fall zumeist Autos). Der Witz dabei ist durchaus die Intransparenz, wie dieses Thema seitens der Industrie gehandhabt wird. WIR NICHT, aber wir haben gehört, dass andere dies so handhaben. Wenn es für mich persönlich nicht so traurig wäre, würde ich es solche Aussagen als unterhaltsame Real-Satire nehmen. Ich habe dafür auch ein Stück weit Verständnis. Und ich halte mich auch nicht für den Mittelpunkt der automobilen Journalismus. Mitnichten. Fakt ist aber, dass gerade in der Online-Welt der Veröffentlichkeitszeitpunkt einen ungeheuren Wettbewerbsvorsprung bietet. Wenn man mich beispielsweise 2 Wochen vor meinen Blogger-Kollegen einladen würde, dann könnte ich das natürlich sofort in einen Reichweiten-Vorteil umwandeln. Im letzten Jahr haben ein paar Onliner von einem deutschen Premium-Hersteller sehr exklusiv ein Auto bekommen, was selbst die großen Medien noch nicht bekommen hatten. Wir haben damit alle sehr gute Werte erzielt. Ich weiss aber auch, dass diese Aktion in einzelnen „klassischen“ Redaktionen durchaus zu Unmut geführt hat. Willkommen in meiner Welt. Hier steht allerdings dann aber auch nur eine Aktion in 3 Jahren für uns „Onliner“ zu monatlichen Aktionen für die „klassischen Medien“.

Die Lösung für dieses Problem ist dabei so einfach. Und mache Hersteller und Importeure handhaben es auch schon so. Sperrfristen! Da fährt man dann eben auf eine Fahrveranstaltung und darf erst eine oder zwei Wochen später publizieren. Somit wäre wenigstens eine gewisse Chancengleichheit gegeben. Dies ist selbstredend nicht im Sinne der Industrie, denn bei einer sechs Wochen dauernden Veranstaltung bekommt man ja auf diese Art keine sechs Wochen lang aus der unterschiedlichsten Kanälen seine Signale.

Tanz Äffchen, tanz!

Wie ein dressiertes Marketing-Äffchen komme ich mir da mittlerweile vor. Als Marketing-Affe würde ich ja ordentlich Geld verdienen. Als Marketing-Äffchen hingegen, soll ich nur schön tanzen. Nimm die Krumen, die wir Dir hinwerfen. Aber mach am Besten das daraus, was wir dir vorgeben. Und um ehrlich zu sein, viel mehr ist in meinen Augen in unserem Bereich auch eh nicht zu machen. Wenn ich Einladungen bekomme, bei denen ich gerade mal netto 3 Stunden mit dem Auto habe und mit dies dann auch noch mit einer anderen Person teilen muss, dann stelle ich mir schon die Frage, was der Hersteller da von mir erwartet. Und sage ab.

Presse Kodex : Sorgfalt : Recherche ist unverzichtbares Instrument journalistischer Sorgfalt. Zur Veröffentlichung bestimmte Informationen in Wort, Bild und Grafik sind mit der nach den Umständen gebotenen Sorgfalt auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und wahrheitsgetreu wiederzugeben. Ihr Sinn darf durch Bearbeitung, Überschrift oder Bildbeschriftung weder entstellt noch verfälscht werden. Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen.

Um mich eben selbst von der Mutation zum Marketing-Äffchen zu bewahren, erstelle ich Inhalte in Form von Infotainment. Bei den Reviews auf Ausfahrt.tv nimmt der eigentliche Fahreindruck, also eben das, worum es ja früher beim Autofahren hauptsächlich ging, einen verschwindend geringen Anteil des Formats ein. Allein, weil mir bei der Produktion selbst unter idealen Bedingungen die Zeit fehlt, mir da ein umfassenden Urteil zu erlauben (Das liegt aber, so muss ich hier klar herausstellen, an meinem Format, nicht an den Herstellern). Bei den Kollegen, die in dem Bereich schon weit mehr Erfahrung gesammelt haben, mag das anders aussehen. Ich bin aber immer wieder baff erstaunt, wie sich so mancher Kollege innerhalb von 1 Stunde Fahrzeit einen so umfassenden Eindruck von einem Fahrzeug schaffen kann, um darauf basierend einen ordentlichen Test zu schreiben.

Oft wird von den Zuschauern bei den Ausfahrt.tv-Video moniert, dass wir nichts zum Verbrauch des Fahrzeugs erzählen. Nun, weil ich nicht unseriöse Angaben machen möchte. Ich fahre einfach nicht genug, um da verlässliche Werte nennen zu können und ich habe auch in Barcelona, Lisabon oder Nizza keine adäquate Strecken, auf denen ich Vergleichsfahren vornehmen könnte. Ein anderes gutes Beispiel ist die Geräuschentwicklung im Auto. In den südlichen Ländern, in denen ja die meisten Fahrveranstaltungen stattfinden, darf man nicht schneller als 120 km/h fahren. Keine Ahnung, ob die Windgeräusche oberhalb der 120 km/h exponentiell zunehmen. Also kann ich dazu auch nichts sagen.

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Mach mir das Äffchen, Quatsch – Mach Dich nicht zum Äffchen

Aber Teile der Industrie werden eben nicht müde, mir den Spiegel mit dem possierlichen Äffchen immer mal wieder vorzuhalten. In der Form beispielsweise, dass man mir tatsächlich schon vorschreiben wollte nahegelegt hat, in welcher Publikation denn Inhalte zu einem bestimmten Thema von mir sehen wollte. Oder mindestens genauso schön der Moment als ich erfahren habe, dass ich doch bitte im Rahmen eines Events zu dem man mich zwecks Berichterstattung eingeladen hatte, auch als Protagonist eines Hersteller-Werbevideos zu agieren hätte. Unbezahlt. Selbstverständlich.

Ganz kurz möchte ich meinen zaghaften Aufschrei noch von dem Artikel von Sven Wiesner abgrenzen, der da 2013 schrieb „Die meisten Blogger rechtfertigen Ihre gesponserte Weltenbummlerei damit, dass der Betrieb ihres Blogs ja auch Geld kostet und Arbeitszeit bindet.“ Zumindest bei uns Online-Multiplikatoren ist es wie auch bei den Kollegen vom Print keine Option nicht dem Pressetross zu folgen und eben die Fahrveranstaltungen hier und da nicht mehr zu besuchen. Denn wenn ich jedes Mal warten würde, bis man mir einen Testwagen in Deutschland stellt, dann bräuchte ich auch gar keine Inhalte mehr publizieren. Die Zeit ist nun mal in unserem Bereich der wichtigste Faktor. Die Reisen sind aber Bestandteil der Arbeitszeit. Ich würde mich freuen, wenn alle Fahrveranstaltungen der deutschen Hersteller eben an ihren deutschen Standorten stattfinden würden. Das würde mir auch bei meiner Berichterstattung helfen – alleine schon durch einen kurzen Abstecher auf die deutsche Autobahn. Und alleine das Bild (er liegt am Pool auf einer Liege in der Sonne) zum Beitrag von Wiesner erheitert mich ansatzweise. Ich kann mich in meiner 3jährigen Laufbahn nur an zwei Male erinnern, dass ich einen Hotel-Pool genutzt habe. Das eine Mal bin ich von einem zu nächsten Event gereist und war so ein paar Stunden zu früh da, das andere Mal bin ich um 5 Uhr aufgestanden und war Schwimmen, um dem alten Körper etwas Gutes zu tun. Für mehr reicht die Zeit nicht, wenn man versucht, seine Inhalte ernsthaft zu produzieren.

Bei der „Rock-The-Blog“-Konferenz begleitend zur CeBIT 2015 hat Sven Wiesner seine Thesen noch einmal wiederholt. Die T3N hat seine Session deutlich differenzierter zusammengefasst als er seiner Zeit in seinem Blogartikel, so dass ich guter Dinge ein paar Aussagen für mein Anliegen aus dem Zusammenhang dort reissen möchte:

Mit diesem unreflektierten Vorgehen verhinderten die Unternehmen selbst, dass aus ihren Blogger-Relations nachhaltige Werte entstünden. Und auch für viele Blogger vollziehe sich der Wandel gar nicht bewusst. Zuerst freue man sich darüber, auf einmal Angebote zu bekommen und wichtig zu sein. Irgendwann stelle man fest, dass man zur „Handpuppe der Marketing-Hoschis“ geworden sei – dann sei man aber schon mittendrin. Um aus diesem Kreislauf auszubrechen, müssten beide Seiten sich stärker hinterfragen und ihr Vorgehen auf eine strategische Grundlage stellen.

Amen! Weiter regt Wiesner an, wir Blogger sollten unsere Zusammenarbeit mit der Herstellern kritischer hinterfragen, unseren Stil und unsere Qualitätsansprüche konsequenter durchsetzen und auch mal „nein“ sagen. Zumindest für den Teil der deutschen Autoblogger, die ihrer Leidenschaft mittlerweile hauptberuflich nachgehen, kann ich festhalten, dass wir das mittlerweile genau so machen. Vor allem „Nein“ sagen. Und das sehe ich als sehr positiv an.

Wenn die Hersteller und Importeure weiterhin mit uns digitalen Meinungsbildern zusammenarbeiten wollen, dann sollten sie sich mal langsam auf den Weg zum zweiten Schritt machen. Refinanzierung. Andernfalls war ihr Engagement der letzten Jahre für die Katz. Am Ende des Tages hilft dies auch den Herstellern. Denn eine finanzielle Unabhängigkeit sichert meiner Meinung nach eher ein freie Berichterstattung und macht uns Blogger auch deutlich unabhängiger. Nur wenn ich mich wirklich auf mein Kerngeschäft konzentrieren kann, dann bin ich in der Lage gute Inhalte zu schaffen. Nicht nur gut für die Industrie, sondern vor allem auch für die Leser und Zuschauer. Dazu gehört auch das, was ich finanzielle und inhaltsbezogene Wettbewerbsverzerrung nenne. Nach meinem Empfinden ist gerade letzteres in den letzten Monaten wieder stark forciert worden.

Zum Ausklang eines Rants empfehlen sich ja durchaus versöhnliche Worte. Es ist nicht so, dass ich in meinem Autoblog noch keine Werbebuchungen von Herstellern und Importeuren bekommen habe. Bedauerlich ist eben nur, dass es sich dabei in der Regel um einzelne bzw. einmalige Geschichten handelt. Auch darf ich vielleicht noch anfügen, dass ich eben die Hersteller besonders in der Verantwortung sehe, die daran interessiert sind, dass wir besonders oft Informationen von Ihnen bzw. zu ihren Produkten nach aussen tragen. Es gibt auch einige positive Beispiele aus der Industrie. Es gibt in der Tat ein paar Ansprechpartner, die wirklich wissen warum sie mit mir (oder auch uns) zusammenarbeiten wollen. Denen die Vorteile durchaus klar sind, und die uns auch bestens unterstützen. Auf der Content-Ebene. Das ist zumindest ein guter Anfang.

Disclosure: Als Blogger darf man ja heute kaum noch etwas schreiben, ohne dafür richtig auf die Fresse zu bekommen. Vorzugsweise aus dem eigenen Lager. Drum hier kurz festgehalten. Ich klage nicht. Ich klage an. Ich jammere auch nicht. Ich habe ja gar keinen Grund dazu. Aber hin und wieder, muss es gestattet sein, mal das – zumindest in meinen Augen – offensichtliche Unrecht anzuklagen und das auch publik zu machen. Und auch das Lied vom Zwist Twist zwischen Blogger und Journalisten mag ich nicht mehr hören. Nur noch die Ewiggestrigen haben immer noch nicht verstanden, dass wir uns ergänzen. Es besteht kein Grund für böses Blut.