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Freitags auf der Autobahn

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Gestern habe ich mich um 14 Uhr in Stuttgart auf den Weg Richtung Heimat gemacht. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber mir dünkt, dass ich nun das zweite Mal an einem Freitag mit einem Porsche von Stuttgart nach Bielefeld gefahren bin. Beim ersten Mal war es der Porsche 911 Carrera 4 GTS, gestern ein Porsche Cayman S. Aber das ist eigentlich nur eine Randnotiz. Ich hatte halt ein leistungsstarkes Fahrzeug zur Verfügung.

Was mich schockiert hat: Es war Krieg. Auf der Autobahn. Und vollkommen sinnlos. Wenn sich beispielsweise die Blechlawine Stossstange an Stosstange gereiht mit Tempo 100 auf der A5 von Frankfurt in Richtung Kassel schiebt, dann kann ich es wirklich null verstehen, wenn da ein paar Helden plötzlich durchdrehen und quer über die vier Verkehrsspuren zum Überholen ansetzen. Auch verstehe ich es einfach nicht, dass mir mein Hintermann quasi in den Kofferraum gefahren ist – wohl um zu zeigen, dass er es besonders eilig hat, zu seinen Lieben zu kommen.

Ich bin innerhalb von 3 Stunden Autobahnfahrt diverse Male genötigt worden. Man hat mich geschnitten. Ich bin ausgebremst worden und musste auch diverse Male hart in die Bremsen gehen, weil einer der anderen Fahrer selbstredend ohne zu blinken erst nach rechts gezogen war, um sich dann umgehend zu überlegen, dass es links halt doch viel schöner wäre.

Ich drängle schon lange nicht mehr. Ja. Ich gestehe. Früher habe ich gedrängelt. Früher bin ich teilweise auf der letzten Rille gefahren und das zumeist mit untermotorisierten Fahrzeugen. Aber selbst damals bin ich schon immer extrem vorausschauend gefahren. Sowas lernt man sehr schnell, wenn man Motorrad fährt. Für andere eben mitzudenken. Nun sass ich gestern also quasi direkt vor dem 325 PS Triebwerk des Cayman. Ich hatte die Kraft, ich hatte die Möglichkeiten. Und ich wollte nach Hause.

An den paar Stellen, wo kein Tempolimit gesetzt war und ich auch noch ein paar Meter vor mir freie Fahrt hatte, habe ich eben auch das Gaspedal benutzt. Wenn ich Teil der Blechlawine bin, dann nehme ich das hin und passe mich eben an. Aber wenn ich eine freie Bahn habe, dann möchte ich gerne auch das Auto nutzen, was mir zur Verfügung steht.

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Ich weiss gar nicht, wie oft ich von hinten angekommen bin und jemanden auf der linken Spur vor mir hatte, der da gemächlich mit 130 km/h seine Bahn zog. Gut, erwachsen wie ich bin bremse ich auf gebührenden Abstand herunter. Warte kurz. Ziehe dann auf die rechte Seite um meinem Vordermann zu zeigen „Guck mal. Nicht mal der Porsche geht davon kaputt auf der rechten Seite zu fahren.“ Wieder warte ich einen Augenblick, ziehe dann wieder nach links hinter den Kollegen. Warte wieder ein Weilchen und ziehe dann ein Mal die Lichthupe. Mit gebührendem Abstand. Nicht um zu drängeln, sondern nur als Weckruf!

Drei unterschiedliche Fälle habe ich erlebt. Die eher löbliche Ausnahme, dass der Kollege vor mir einfach nach rechts gefahren ist. Die Vollidioten, die dann auf die Bremse gehen. Warum? Rechts ist doch alles frei. Ich habe mehr als die notwendigen Sicherheitsabstand. Und ich möchte nur vorbei. Und nur weil man sich ja allgemeinhin für solche Texte rechtfertigen muss. Mir würde es im Traum nicht einfallen, jemanden anzublinken, der eh nicht nach rechts fahren kann. Ich rede hier lediglich über die Kollegen, die eine lange freie rechte Spur vor sich haben. Die dritte Gruppe finde ich auch noch vollkommen befremdlich. Die ziehen nach rechts. Lassen mich passieren, nur um dann wieder nach links zu ziehen und mir wiederum die Lichthupe zu zeigen. Aha? Was wollen die mir denn sagen? Ist das eine Art Dank-Signal. Ja, ich habe geschlafen, Danke dass Du mich geweckt hast?

Auch scheinen wenige Leute sich wirklich mit Strassenverkehrsordnung auszukennen. Da heisst es beispielsweise in § 7.2b: „Wenn auf der Fahrbahn für eine Richtung eine Fahrzeugschlange auf dem jeweils linken Fahrstreifen steht oder langsam fährt, dürfen Fahrzeuge diese mit geringfügig höherer Geschwindigkeit und mit äußerster Vorsicht rechts überholen.“ Soll also heissen, wenn auf der Autobahn in 2 km rechts ein Laster fährt und auf der linken Spur sind die Fahrzeuge aneinanderreihen ohne wirklich voran zu kommen, dann darf man durchaus auf der rechten Spur bis zu dem Laster aufstossen, um sich dann erst auf der linken Spur einzureihen. Man darf sich bloss eben nicht zu schnell auf der rechten Spur fortbewegen. Maximal 20 km/h schneller darf man sein, so die aktuelle Rechtssprechung. Habe ich getan. Kam im ersten Schritt die Lichthupe. Im zweiten Schritt hat mich dann der Golf in einer halsbrecherischen Aktion rechts überholt. Himmel. Da fragt man sich wirklich, was in den Köpfen dieser Leute vorgeht.

#friday#night on the #autobahn. no fun. #timelapse #blurry inside the #porsche #cayman S

Ein von Jan (@log42) gepostetes Video am

Der Höhepunkt war aber für mich ein Skoda Fabia Pilot, der meinte, dass 130 km/h die richtige Geschwindigkeit für die linke Spur wäre. Na dem oben beschriebenen Procedere, ist er nach meine Lichthupe massiv auf die Bremse gestiegen. Als ich daraufhin, um mich und mein Fahrzeug zu sichern auf die rechet Spur gefahren bin, hat er – vermutlich, weil er dachte, dass ich ihn rechts überholen wolle, ebenfalls auf die Spur gewechselt und mich dabei voll geschnitten. In den nächsten Minuten ist er dann so chaotisch gefahren, dass ich wirklich erst Angst hatte und dann doch aggressiv geworden bin. Es war dann dringend Zeit, dass ich am nächsten Rastplatz rechts rausgefahren bin.

Ich hoffe inständig, dass ich mich bei der nächsten Gelegenheit daran erinnere, dass ein Hotel nur 70 Euro kostet und Samstag morgens die ganzen Spinner schon zu Hause sind. Und was ich abschliessend noch anmerken möchte: Mir sind insbesondere auch SUV-Lenker aufgefallen. Die sind nicht chaotisch, aber komisch gefahren. Ganz offensichtlich haben sie zwar verstanden, dass ihre Fahrzeuge verdammt potent sind, aber eben nicht, dass der höhere Schwerpunkt nicht unbedingt zu einer besseren Strassenlage beiträgt. Also wird losgeprescht, wann immer die Bahn es hergibt, aber bei dem ersten Anzeichen einer Kurve auch sofort wieder auf die Bremse getreten. Auch ist mir sonst keine Fahrzeuggattung sonst aufgefallen, die meint, dass man bei Hochfahren auf eine Anhöhe wirklich bremsen muss.

Und zu guter Letzt: Von Bielefeld nach Stuttgart haben wir am Donnerstag morgen gerade mal 4.5 Stunden gebraucht. Vollkommen entspannt. Für den Rückweg haben wir 5.5 Stunden gebraucht und ich war trotz Nickerchen zwischendurch fix und fertig als wir endlich wieder in Bielefeld waren.

Disclosure: Sämtliches Bildmaterial habe ich vom Beifahrerplatz aus aufgenommen, denn zum Glück waren wir zu zweit unterwegs und ich musste mir diese Qual nicht die komplette Strecke antun.

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  1. Du schreibst es selbst: Man kann sich oft zurück nehmen. Aber irgendwann auf einer längeren Strecke geht das nicht mehr. Da hilft wirklich nur kurz ab fahren, raus aus der Kiste, sich die Beine vertreten. Ich fahre im Jahr ca. 150 000 Kilometer – davon ungefähr 25 000 mit einem Pkw. Nirgendwo ist es so stressig, wie in Deutschland. Selbst im Mailänder Berufsverkehr läuft es relativ easy. Vielleicht liegt das auch an den hohen Strafen, die man mittlerweile in Italien selbst für kleine Vergehen zahlen darf.

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  2. Ja, das ist der Grund, warum ich mittlerweile keine Lust mehr auf Autobahn habe. Vor 20 Jahren war ich viel beruflich unterwegs, da war das alles noch harmonisch. Blinken und dann erst raus ziehen (heute ja anders herum), wer Licht an hatte, hatte es eilig. Das ging alles entspannt zu. Heute nur noch ICH ICH ICH, von Rücksicht, geschweige denn mitdenken, keine Spur mehr 🙁

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